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Pitfalls, Artefakte & Befundtext

Vertauschungen, V1/V2 zu hoch, Filterfehler, Tremor-Pseudo-Flattern, Befund-Bausteine.

9 Min. Lesezeit

Lernziele

  • Sie erkennen die häufigsten Elektroden-Vertauschungen am EKG-Bild.
  • Sie identifizieren typische Artefakte und unterscheiden sie von echter Pathologie.
  • Sie verfassen einen vollständigen, strukturierten EKG-Befund.

Häufige Elektroden-Vertauschungen

VertauschungErkennungsmerkmale
RA ↔ LAI komplett invertiert (negative P, QRS, T); aVR positiv mit aufrechter P; Brustwand normal
RA ↔ LLPseudo-inferiorer Infarkt: negative P in II/III/aVF; aVR positiv; extreme Rechtsachse
LA ↔ LL (subtilste!)P in I > P in II (normal: P in II > P in I); III invertiert
RA ↔ RLLead II nahezu Nulllinie („Pseudo-Asystolie in II")
LA ↔ RLLead III nahezu Nulllinie

Universalregel: Eine Nulllinie in einer Extremitätenableitung ist eine Bein/Arm-Erdungsverwechslung bis zum Beweis des Gegenteils.

RA/LA-Reversal vs. echte Dextrokardie: Beide zeigen globale Negativität in I. Unterscheidungsmerkmal ist die R-Progression in den Brustwandableitungen — bei Vertauschung normal, bei Dextrokardie abnehmend von V1 nach V6.

Brustwandelektroden zu hoch — der häufigste präkordiale Fehler

V1/V2 werden in bis zu 50 % der Fälle zu hoch (im 2./3. ICR statt 4. ICR) platziert. Folgen sind Pseudo-Pathologien: inkompletter RSB (rSr'), septale Pseudo-Q-Wellen, T-Inversion V1/V2, subtile ST-Hebung („Pseudo-Anterior-STEMI"), Pseudo-Brugada Typ 2.

Erkennungszeichen: P-Welle in V1 komplett negativ (sollte biphasisch sein), P in V2 negativ oder biphasisch (sollte positiv sein), QRS-Morphologie in V1/V2 ähnelt aVR. Wenn ≥2 dieser Merkmale auftreten → Elektroden falsch platziert.

Artefakte versus echte Pathologie

ArtefaktCharakteristikVerwechslungsgefahr
Wechselstrom 50 Hzsehr regelmäßiges schmales Zittern
Parkinson-Tremor (4–6 Hz)unregelmäßig, oft asymmetrischPseudo-Vorhofflattern (240–360/min)
Atemartefaktlangsame sinusförmige Drift
Wackelkontaktisolierte plötzliche SprüngeEktopie
Lead-Artefaktnur in einer Ableitung; QRS sichtbar im „March-through"Pseudo-VT

Tremorfrequenz von 4–6 Hz entspricht einer Vorhofflatter-Frequenz von 240–360/min und kann täuschend echt aussehen. Erkennung: QRS bleibt mit konstanten RR-Intervallen regelmäßig durchgehend; eine Extremitätenableitung (typischerweise III bei rechtsseitigem Tremor) ist tremorfrei.

Pseudo-Infarktmuster

Das EKG-Bild eines STEMI kann durch viele Konstellationen imitiert werden: LSB (diskordante ST-Hebungen physiologisch), LVH mit Strain, WPW (Delta imitiert Q-Wellen), Hyperkaliämie (spitze T, QRS-Verbreiterung, Pseudo-Brugada), Brugada Typ 1, Perikarditis (diffus, konkav, PR-Senkung), Takotsubo (anteriore Hebung mit später Riesen-T-Inversion und QTc-Verlängerung) und frühe Repolarisation.

30-Sekunden-Checkliste vor jeder Befundung

  1. Eichzacke (10 mm/mV, 25 mm/s) vorhanden?
  2. Filtereinstellungen 0,05–150 Hz, 50-Hz-Notch?
  3. P-Welle in I positiv? (sonst: RA/LA-Reversal oder Dextrokardie)
  4. P-Welle in V1 biphasisch? (sonst: V1/V2 zu hoch)
  5. Nulllinie in einer Extremitätenableitung? (Bein/Arm-Reversal)
  6. Frequenz, Rhythmus, Achse, Zeitwerte systematisch bestimmen.
  7. Bei breitem QRS: Sgarbossa-Smith bei LSB/Pacing; Brugada-Algorithmus bei Tachykardie.
  8. Bei regelmäßiger Tachykardie ~150/min: an Vorhofflattern 2:1 denken.
  9. Passt das EKG zur Klinik? Wenn nicht — Artefakt verdächtigen, EKG wiederholen.

Strukturierter Befundtext

Pflichtinhalte: Patientendaten und Untersuchungsdatum, Indikation, Geräteeinstellungen, Frequenz, Rhythmus, Lagetyp, alle Zeitwerte (P, PQ, QRS, QT/QTc mit Korrekturformel), Beschreibung der Erregungsausbreitung (P-Welle, Q-Zacken, R-Progression, Hypertrophie-Indizes), Erregungsrückbildung (ST-Strecke, T-Wellen, ggf. U-Welle), Vergleich mit Voraufnahme, zusammenfassende Beurteilung, Empfehlung.

Standard-Bausteine:

  • „Normofrequenter Sinusrhythmus, Frequenz X/min, Indifferenztyp."
  • „Tachyarrhythmia absoluta bei Vorhofflimmern, mittlere Kammerfrequenz X/min."
  • „Vorhofflattern mit regelmäßiger 2:1-Überleitung, Kammerfrequenz X/min."
  • „Regelrechte AV-Überleitung (PQ XXX ms), schmaler QRS-Komplex (XX ms), normale frequenzkorrigierte QT-Zeit (QTc nach Bazett XXX ms)."
  • „Regelrechte R-Progression mit R/S-Umschlag in V3/V4. Keine pathologischen Q-Zacken. Sokolow-Lyon-Index unauffällig."
  • „Keine signifikanten ST-Streckenveränderungen, regelrechte T-Wellen."
  • „Im Vergleich zur Voraufnahme vom TT.MM.JJJJ kein wesentlicher Befundunterschied."

Mini-Quiz

1 / 3

Welche Vertauschung führt zu einer Pseudo-Asystolie in Ableitung II?

Take-aways

  • Eine Nulllinie in einer Extremitätenableitung ist eine Bein/Arm-Erdungsverwechslung bis zum Beweis des Gegenteils.
  • P-Welle in V1 negativ statt biphasisch, P in V2 negativ → V1/V2 zu hoch platziert.
  • Parkinson-Tremor (4–6 Hz) imitiert Vorhofflattern (240–360/min); QRS bleibt regelmäßig durchgehend.
  • Vor jeder Befundung 30-Sekunden-Checkliste: Eichzacke, Filter, P in I, P in V1, Nulllinie, Achse, Zeitwerte.