Schenkel-/AV-Blöcke & Tachyarrhythmien
LSB/RSB/LAH/LPH, AV-Blöcke, VHF, SVT, VT, Long-QT, WPW, Brugada.
12 Min. Lesezeit
Lernziele
- Sie unterscheiden LSB und RSB sowie LAH/LPH anhand der EKG-Kriterien.
- Sie ordnen AV-Blöcke korrekt ein und kennen die Schrittmacher-Indikationen.
- Sie wenden den Brugada-Algorithmus auf Breitkomplextachykardien an und kennen die typischen SVT-Muster.
Schenkelblöcke
Linksschenkelblock (LSB): QRS ≥120 ms, breite gekerbte/plumpe R in I/aVL/V5/V6, fehlende Q in V5/V6, breite tiefe S oder QS in V1, ST/T diskordant zur QRS-Hauptrichtung, R-Peak-Time in V5/V6 >60 ms.
Rechtsschenkelblock (RSB): QRS ≥120 ms, rSR' („M-Form", „Hasenohren") in V1/V2, breite plumpe S in I/aVL/V5/V6, T-Inversion V1 (–V3) sekundär. Inkompletter RSB bei QRS 110–120 ms — bei jungen Sportlern oft physiologisch.
Linksanteriorer Hemiblock (LAH): überdrehter Linkstyp (−45° bis −90°), qR in I/aVL, rS in II/III/aVF, QRS <120 ms. Ausschlussdiagnose — andere Ursachen für überdrehten Linkstyp wie LVH, inferiorer MI, WPW oder Hyperkaliämie ausschließen.
Linksposteriorer Hemiblock (LPH): überdrehter Rechtstyp, qR in II/III/aVF, rS in I/aVL, QRS <120 ms. Strenger Ausschluss anderer Ursachen für Rechtstyp obligat (RVH, akute LE, lateraler MI, Asthenie).
Bifaszikulär: RSB + LAH (häufig) oder RSB + LPH (selten). Der Begriff „trifaszikulärer Block" ist heute zunehmend obsolet.
AV-Blockierungen
| Grad | EKG-Kriterium | Lokalisation/Klinik |
|---|---|---|
| I° | PQ >200 ms, jedes P leitet | meist AV-Knoten, benigne |
| II° Mobitz I (Wenckebach) | progressive PQ-Verlängerung bis Ausfall, dann Reset | AV-Knoten, schmaler QRS, vagal |
| II° Mobitz II | konstante PQ, plötzlicher Ausfall | infra-Hisär, oft breiter QRS, Schrittmacher-Indikation |
| Hochgradig (2:1, 3:1) | jedes 2./3. P blockiert | Schrittmacher-Indikation |
| III° (komplett) | komplette AV-Dissoziation, Vorhof- > Kammerfrequenz | Ersatzrhythmus: junctional 40–60/min schmal oder ventrikulär <40/min breit |
Differenzierung AV-Dissoziation vs. AV-Block III°: Bei AV-Block III° ist die Vorhoffrequenz immer höher als die Kammerfrequenz. Bei isorhythmischer Dissoziation oder bei VT kann die Kammer sogar schneller sein.
Vorhofflimmern und -flattern
Vorhofflimmern (VHF): absolut irreguläre RR-Intervalle, keine erkennbaren P-Wellen, stattdessen unregelmäßige Flimmerwellen (350–600/min); per ESC 2024 ist eine Episode von ≥30 s diagnostisch.
Typisches Vorhofflattern (cavotrikuspidaler Isthmus, ~90 %): Sägezahnwellen mit negativem Anteil in II/III/aVF, positivem in V1, Vorhoffrequenz ~300/min. Häufigste Überleitung 2:1 → Kammerfrequenz ~150/min.
Ratio-Trap: Eine auffällig konstante Frequenz von ~150/min ohne Ursache ist bis zum Beweis des Gegenteils Vorhofflattern 2:1. Vagusmanöver oder Adenosin demaskieren die F-Wellen (diagnostisch, nicht therapeutisch).
Supraventrikuläre Tachykardien (schmaler QRS)
- AVNRT (häufigste paroxysmale SVT): regelmäßig 150–220/min, plötzlicher Beginn/Ende. Klassische Hinweise: Pseudo-S in II/III/aVF, Pseudo-r' in V1, Pseudo-r' in aVR (Spezifität ~100 %, Sensitivität geringer). RP <70 ms typisch.
- AVRT (orthodrom, ~95 %): schmaler QRS, retrograde P nach QRS, RP ≥100 ms. Antidrome AVRT verläuft mit breitem QRS und ist klinisch von VT schwer zu unterscheiden.
- Fokale Vorhoftachykardie: abnormale P-Morphologie (≠ Sinus-P), häufig „Warm-up/Cool-down".
- Sinustachykardie: normale P-Morphologie, gradueller Beginn/Ende, fast immer reaktiv (Fieber, Volumenmangel, Sepsis, Hyperthyreose, Anämie, LE).
Ventrikuläre Arrhythmien und Breitkomplextachykardien
- Nicht-anhaltende VT (nsVT): ≥3 ventrikuläre Schläge, <30 s, hämodynamisch stabil.
- Anhaltende VT (sVT): ≥30 s oder hämodynamische Instabilität.
- Torsades de pointes: polymorphe VT bei Long-QT mit „Drehen um die Achse", oft durch Short-Long-Short-Sequenz getriggert. Therapie: Magnesium 2 g i. v. unabhängig vom Spiegel, Kalium ≥4,5, Trigger absetzen, ggf. Overdrive-Pacing.
80 % aller Breitkomplextachykardien sind VT — bei KHK-Anamnese sogar 90 %. Im Zweifel immer wie VT behandeln.
Brugada-Algorithmus (4 Stufen, eine positiv = VT):
- Fehlen jeglicher RS-Komplexe in V1–V6 → VT
- Längstes RS-Intervall in einer Brustwandableitung >100 ms → VT
- AV-Dissoziation, Capture- oder Fusion-Beats vorhanden → VT
- Morphologiekriterien V1/V6 (RBBB- oder LBBB-Form) → VT
Werden alle 4 Schritte negativ durchlaufen, handelt es sich um eine SVT mit Aberranz.
Vereckei-aVR-Algorithmus (vereinfacht, eine positiv = VT): initiale R-Welle in aVR; initiale r/q-Breite >40 ms in aVR; Notching im absteigenden Schenkel eines überwiegend negativen QRS in aVR; vi/vt-Ratio ≤1.
Long-QT, WPW, Brugada (Auswahl)
Long-QT: Hochrisiko TdP bei QTc >500 ms, sekundäre Ursachen vor allem QT-verlängernde Medikamente (Klasse Ia/III, Makrolide, Fluorchinolone, Antipsychotika, Methadon, Ondansetron) und Elektrolytstörungen. Schwartz-Score ≥3,5 → kongenitales LQTS hochwahrscheinlich.
Manifester WPW: kurze PR <120 ms, Delta-Welle, QRS ≥110 ms, sekundäre ST-T-Veränderungen.
FBI-Tachykardie (Fast, Broad, Irregular): VHF bei WPW mit antegrader Leitung über die akzessorische Bahn. Frequenzen >250/min, lebensbedrohlich. AV-Knoten-Blocker (Adenosin, Verapamil, Diltiazem, Beta-Blocker, Digoxin) sind streng kontraindiziert — sie beschleunigen die akzessorische Bahn. Therapie: bei Instabilität Kardioversion, sonst Procainamid, Ibutilid oder Flecainid.
Brugada Typ 1 (diagnostisch): coved-type ST-Hebung ≥2 mm in V1/V2 mit anschließend negativer T-Welle. Typ 2 (saddle-back): nicht diagnostisch, erfordert Provokationstest. Hochliegende Ableitungen V1/V2 im 2./3. ICR erhöhen die Sensitivität.
Mini-Quiz
1 / 4Welcher AV-Block ist eine klare Schrittmacher-Indikation?
Take-aways
- LSB: QRS ≥120 ms, breite gekerbte R in I/V5/V6, fehlende Q in V5/V6, breite tiefe S/QS in V1, ST/T diskordant.
- Mobitz II und 2:1- bzw. höhergradige AV-Blöcke sind Schrittmacher-Indikation.
- 80 % aller Breitkomplextachykardien sind VT — bei KHK-Anamnese 90 %. Im Zweifel wie VT behandeln.
- Adenosin oder AV-Knotenblocker bei FBI-Tachykardie (VHF + WPW) sind streng kontraindiziert — Risiko Kammerflimmern.